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Auf einmal wollen alle Sünder sein

Ein Freund kommt zu mir, nennen wir ihn Frank, und sagt: „Dicker, da muss Sünde sein in unserer Familie. Anders kann man das doch nicht mehr verstehen.“ Es gab mehrere Todesfälle in der Familie, zuletzt starb sein Cousin am plötzlichen Kindstod. Gott schweigt, aber die Menschen brauchen Antworten.

Was ist das eigentlich – Sünde – denke ich, als ich nach Hause gehe. Eigentlich ist der Begriff mir seit Kindertagen allgegenwärtig. Früh hatte ich ein Verständnis dafür, wovon man als Christ die Finger zu lassen hatte. Geprägt wurde mein Sündenverständnis nicht zuletzt durch das Buch »Der Griff nach unseren Kindern«, das meine erste echte Grundschullektüre wurde. Im Visier der Autoren standen neben He-Man und der Hexe Bibi Blocksberg, auch der knuddelige Alf und ganz normale Barbiepuppen. Eines Tages kam ich von der Schule nach Hause, ich hatte wiedermal eine fünf im Diktat geschrieben. Ich war mir sicher, dass die Sünde in meinem Leben Schuld daran sei. Umgehend zerstörte ich alle meine Benjamin-Blümchen-Kassetten.

So war das damals. Doch wo finde ich heute Antworten zum Thema Sünde? Im Fernsehen läuft ein Interview mit TV-Seelsorger Jürgen Fliege. Er sagt, er will seine Sünden behalten: »Die Sünden sind der Misthaufen meines Lebens, daraus wächst etwas.« Sünde als Kompost für die Seele? Na ja.

Bei Wikipedia lese ich, dass sich die Interpretation des Sünden-Begriffes zwischen westlichen Kirchen und der orthodoxen Kirche unterscheidet. Will man Dinge verstehen, die man schon ewig kennt ohne sie richtig zu kapieren, ist es manchmal gut sie von einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ich kenne ein gutes Fischrestaurant. Nebenan ist ein orthodoxes Kloster. Im Hof treffe ich auf einen Mönch.

»Ich hätte mal eine Frage«, sage ich.
»Klar«, sagt er. Und: »Willst du einen Schnaps?«
»Eigentlich will ich nur was fragen. Wie ist das bei euch mit der Sünde?«
»Tja, die Sünde«, seufzt er. Ein großes Thema. »Du kriegst erst mal einen Schnaps.«

Nachdem ich artig austrinke, versucht er sich doch an einer einfachen Antwort: »Wenn wir sündigen, verfehlen wir das Ziel, das Gott für uns auf dieser Erde hat.« Er hält einen Moment inne, dann sagt er: »Wir hier im Kloster leben nicht nach den Zehn Geboten. Wir haben nur eine einzige Regel: Lasse die Liebe zu Gott wachsen, dann kommt der Rest von alleine. Wer die Liebe hat, braucht nicht mehr zu sündigen.«
Das höchste Gebot, von dem Jesus in Markus 12, 29-30 spricht, kommt mir in den Sinn. Interessante Sichtweise, denke ich. Und: Wie sie sehr sich doch die Sicht der Welt von orthodoxen Mönchen und die von Jürgen Fliege unterscheiden.

Jesus aber antwortete ihm: Das vornehmste Gebot vor allen Geboten ist das: „Höre Israel, der HERR, unser Gott, ist ein einiger Gott; und du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften.“ Das ist das vornehmste Gebot. (Markus 12, 29-30)

Ich verabschiede mich und gehe Forelle essen. Auf dem Nachhauseweg treffe ich Frank.

»Und?«, frage ich.
»Besser. Gott schweigt noch immer, aber wir spüren, wie er die Familie trägt.«
»Das ist gut.«

Wir laufen eine Weile durch die Stadt und labern. Ziellos streifen wir umher. Wobei, vielleicht hat unser Weg doch irgendwo ein Ziel.

(Zuerst erschienen im GGE-Freundesmagazin)